Home | Kontakt | Impressum

Bertha Benz Fahrt 2008

Samstag 2. August 2008
Etappe von Mannheim nach Pforzheim ca. 108 km unter dem Motto "120 Jahre Frau am Steuer"

Die Geschichte der Bertha Benz Fahrt

1. Fernfahrt mit einem Automobil

Es war an einem Augusttag des Jahres 1888. Im Badischen Land hatten die Schulferien gerade begonnen. Der Tag über Mannheim ist noch nicht ganz angebrochen, da öffnet sich in der Waldhofstraße fast geräuschlos ein Fabriktor. Drei Gestalten, die im Morgenrauen kaum richtig erkennbar sind, schieben ein seltsames dreirädriges Gefährt auf die Straße. Als sie sicher sind, dass sie niemand entdeckt hat, stellt sich eine der Gestalten hinter den Wagen und dreht ein paar Mal an einem eisernen Schwungrad. Zischend und puffend setzt sich das Vehikel in Bewegung. Auf dem Wagen sitzt eine Frau. Der Junge, der eben noch hinter dem Wagen gestanden hatte, springt auf und setzt sich neben die Mutter. Sein Bruder hat inzwischen auf einem kleinen Sitz über dem Vorderrad Platz genommen. So beginnt in Mannheim die erste Fernfahrt eines Automobils, die in die Geschichte eingehen wird.

Es dauert nicht lange, da kommen den drei Landfahrern die ersten Menschen entgegen. Auch sie haben sich schon früh auf den Weg gemacht, um den langen Fußmarsch nach Mannheim in die Fabriken anzutreten. Staunend bleiben sie stehen und blicken dem Wagen, der ohne Pferde an ihnen vorbei- „rast“, fassungslos nach.

Langsam beginnt die Sonne den Tag zu erwärmen, und vor den drei Landfahrern tauchen bereits die Kirchtürme von Ladenburg auf. Es dauert nicht lange, da erreichen sie die alten Fachwerkhäuser. Das Kopfsteinpflaster rüttelt gewaltig an den Rädern. Am Brunnen auf dem Marktplatz halten sie an, und Richard füllt ein paar Liter frisches Wasser in den Kühlwasserbehälter. Noch immer läuft der Motor ruhig und gleichmäßig. Die Drei steigen wieder auf. Behutsam bewegt Bertha Benz den langen Hebel, der links neben ihr am Wagen angebracht ist, ohne zu zögern setzt sich der „Paten-Motorwagen“ wieder in Bewegung. Die Fahrt geht weiter, entlang an den Feldern, auf denen das frische Getreide schon goldgelb im Sonnenlicht leuchtet.

In Heidelberg kommen sie an eine Brücke, die sie über den Neckar führt. Aus einer Flasche, die sie mitgenommen haben, müssen sie bald Treibstoff nachfüllen. Eigentlich wollte Eugen, der ältere der beiden Buben, den Tankinhalt nur kontrollieren, doch zu seinem Entsetzen war der 5 Liter-Vorrat bereits verbraucht. Als die Sonne schon kräftig vom Himmel brennt, erreichen sie Leimen, und wieder müssen sie Wasser nachfüllen. Auch der Tank hat sich schon wieder beträchtlich geleert. Der Kraftstoffverbrauch liegt also deutlich höher, als der Vater berechnet hatte. Der Vater, was würde er wohl sagen, wenn er von der Fernfahrt erfährt.

Der Weg entlang der Bahnlinie, auf dem sie weiter nach Wiesloch fahren, ist staubig. Und durch die Pferdefuhrwerke sind die Ränder stark ausgefahren. In der Mitte, auf der das Vorderrad fährt, stehen ausgedorrte Grasbüschel, die kräftig an der Lenkung schütteln.


 

Kaum haben sie den Ortsrand von Wiesloch errecht, bleibt der Wagen plötzlich stehen. Die Buben springen herunter. Richard verbrennt sich beim Wasserauffüllen fast die Finger, als er die Einfüllschraube zum Kühlwasserbehälter aufdrehen will. Eugen hat inzwischen die Verschraubung am Kraftstoffbehälter geöffnet. Der Tank ist leer. Schnell kommen Leute näher und wollen wissen, wie diese Kutsche denn ohne Pferde hierher gekommen ist. „Das ist keine Kutsche, das ist der Motorwagen von Carl Friedrich Benz“, verkündet die Mutter stolz. „Wer ist Carl Friedrich Benz?“ will ein Mann aus der Runde wissen. „Carl Friedrich Benz ist ein Ingenieur aus Mannheim. Er hat diesen Motorwagen erfunden, und wir fahren heute von Mannheim nach Pforzheim, um die Großmutter zu besuchen.“

Richard packt den Wagen an der Vordergabel, die Mutter und Eugen schieben hinten. Nach ein paar hundert Metern kommen sie an einen Platz, und da sehen sie das ersehnte Schild an einer Hauswand „Stadtapotheke“. Vom Vater wussten sie, dass er den Kraftstoff manchmal in der Apotheke geholt hatte. Auch den Namen hatten sie sich gemerkt „Ligroin“, ein Reinigungsmittel, das die Frauen im Haushalt und die Drucker zum Reinigen ihrer Lettern benutzten. Die Drei schieben den Wagen direkt vor die Treppe, die zur Eingangstür führt. Bertha Benz nimmt den Vorratsbehälter und geht nach oben. In der Apotheke begrüßt sie eins schwarz gekleideter Herr :“ Guten Tag, mein Name ist Ockel, Willi Ockel, ich bin der Apotheker“. „Mein Name ist Benz, Bertha Benz, kann ich bei Ihnen Ligroin kaufen? Ich hätte gern 10 Liter, 5 passen in den Tank an unserem Motorwagen und 5 Liter gehen in unseren Vorratsbehälter.“ Der Apotheker schüttelt den Kopf. „Gute Frau, unsere Vorräte beschränken sich auf 2-3 Liter, mehr kann ich Ihnen nicht geben“.

Richard füllt den Kraftstoff in den Tank, und Eugen setzt den Wagen wieder in Bewegung. Von Wiesloch geht die Fahrt über Bad Schönborn, Stetten, Ubstadt nach Bruchsal. Immer wieder müssen sie frisches Wasser nachfüllen, und wenn sie an eine Apotheke gelangen, kaufen sie die Bestände an Ligroin auf.

Kurz vor Bruchsal wäre die Fahrt fast zu Ende gewesen. Durch den Staub auf der Straße, der sich mit dem Schmieröl auf den Ketten zu einer schwarzen Schleifpaste vermischt, hatten sich die Kettenglieder so stark gelängt, dass sie auf den Kettenrädern der Antriebsachse und an der Hinterachse immer wieder auf die Zähne klettern. Bei einem Dorfschmied müssen sie die Ketten reparieren lassen. Bald kommen sie nach Untergrombach und von dort nach Weingarten. Kurz nachdem sie den Ort passiert haben, lässt die Leistung des Motors plötzlich nach. Das Schwungrad beginnt sich ruckartig zu drehen und bleibt schließlich ganz stehen. Eugen überprüft den Tank, doch es ist noch genügend Vorrat vorhanden. Mit einem Schraubenschlüssel, den Richard aus der Werkzeugkiste genommen hatte, löst er die Leitung am Vergaser. Aus dem dünnen Kupferrohr sickert ein bräunlicher Schlamm. Ratlos stehen die Drei vor dem Wagen. Plötzlich zieht Bertha Benz eine lange Nadel aus ihrem Hut, die eigentlich die Aufgabe hatte, die Kopfbedeckung am Haar festzuhalten. Langsam stößt sie die Nadelspitze in die Öffnung der

Leitung. Sie bewegt die Nadel solange hin und her, bis das Ligroin wieder ungehindert durch die Leitung fließen kann, und nach ein paar Minuten sitzen die drei Ladfahrer wieder auf
ihren Sitzen. Sie kommen über Grötzingen, Bergheim, Söllingen nach Wilferdingen, dort lassen sie den Tank wieder füllen.

Die Sonne steht jetzt schon sehr niedrig, und es wird langsam etwas kühler. Kurz vor einer leichten Anhöhe bleibt der Wagen wieder stehen. Eugen versucht krampfhaft das Schwungrad noch einmal in Gang zu bringen. Doch der Motor macht keinerlei Anstalten, seinen Dienst fortzusetzen. „Irgendetwas schein an der Zündung nicht mehr zu stimmen“, meint Richard. Prüfend greift Eugen an die Kontaktfeder, die hinten am Motor über eine Nocke betätigt wird. „Da haben wir den Fehler, das Kabel hat sich blank gescheuert und berührt den Rahmen“. Wenn wir Isolierband hätten“? „Isolierband“, meint die Mutter, „warum nicht mein Strumpfband?“ Und wieder gelingt es den Schaden zu beheben.
Die Strecke wird jetzt bergiger, und die Jungen müssen oft absteigen und schieben. An einer Steigung, die die Leute dort den „sieh Dich für Berg“ nennen, kommen ihnen zwei Bauernjungen zur Hilfe. Mit vereinten Kräften gelingt es ihnen, den Wagen über den Berg zu schieben. Als sie in Pforzheim ankommen, ist es fast dunkel geworden. Vor dem Hotel zur Post brennen zwei Gaslaternen. „Wir werden hier Übernachten und erst morgen zur Mutter fahren“, meint Bertha Benz. Das Hotel zur Post hatte von altersher die erblichen Postprinzipien der Fürsten von Thurn und Taxis. Und während sich die Gäste um den Motorwagen versammelten, telegrafierte Bertha Benz nach Mannheim.

Erste Fernfahrt gelungen – sind gut in Pforzheim angekommen.

Carl Benz verzieh seinen „Heimlichen Fernfahrern“ und nutzt die Erfahrungen, die ihm seine Frau mit nach Hause brachte. Für Bergfahrten baute er dem Wagen eine weitere Übersetzung ein. Noch im gleichen Jahr schickte er den Patent-Motorwagen auf die „Gewerbe- und Industrieausstellung nach München und erhielt die „große goldene Medaille“, und bald stellten sich die ersten Käufer für den Wagen ein.

Vielleicht hätte es das Automobil ein paar Motortakte schwerer gehabt, wenn es in seinem 2. Lebensjahr nicht von einer Frau an der Lenkkurbel gepackt worden wäre. Mit ihrer Fernfahrt von Mannheim nach Pforzheim hat Bertha Benz damals bewiesen, dass dem „Pferdelosen Wagen“ die Zukunft gehören wird.

Suchfunktion